Mit Hacke und Schaufel
und Stein auf Stein

Als sich am 24. Juli 1957
24 wohnungssuchende Lohmener im Gasthof Erbgericht versammelten und auf Vorschlag des risikofreudigen Bürgermeisters Georg Wolf eine Arbeiter-Wohnungsbau-Genossenschaft (AWG) gründeten, war das ein Akt der Selbsthilfe. Die Städte lagen nach dem Krieg in Trümmern, die materiellen Ressourcen waren vernichtet, die Ersparnisse der Menschen verpulvert, und Millionen von Kriegsflüchtlingen und Vertriebenen strömten in das zerstörte Land und verlangten nach Brot und Behausung.

Die Lohmener Wohnungsverwaltung sah sich auch noch Jahre nach dem Krieg außerstande, die Bedürfnisse zu befriedigen und war am Ende ihres Lateins. Doch trotz der katastrophalen Lage auf dem Wohnungsmarkt entschlossen sich zunächst nur 20 Teilnehmer der Gründungsversammlung, der Wohnungsbau-Genossenschaft beizutreten, war doch der Weg zu einer neuen Wohnung mit harten Entbehrungen gepflastert: Je nach Wohnungsgröße musste ein Genossenschaftsanteil von bis zu 2400 Mark eingezahlt werden. Er konnte zwar in kleinen Monatsraten angespart werden, war aber in der damaligen Zeit eine große Belastung für die Familienkasse. Aber auch die 600 Arbeitsstunden mit Hacke und Schaufel schreckten viele ab, musste doch in einer Zeit, als sonnabends noch halbtags gearbeitet wurde, auf lange Zeit auf das ohnehin kurze Wochenende verzichtet werden.

Die Gründer der Genossenschaft wählten Walter Schönbach zum Vorstandsvorsitzenden, der mit Tatkraft energisch alle Widerstände überwand und als Pionier des Wohnungsbau-Genossenschaftswesens in der Region eine der ersten AWG auf dem Lande etablierte. Er führte die Genossenschaft zwei Jahrzehnte durch die Widrigkeiten der damaligen Mangelwirtschaft, begründete Traditionen des genossenschaftlichen Lebens und forderte von jedem Mitglied, verantwortlich mit dem Genossenschaftseigentum umzugehen. Ihm zur Seite standen die Vorstandsmitglieder der ersten Stunde: Herbert Loose, Helmut Klahre, Heinz Schneider und Ottmar Wittig.
Am 19. April 1958 gab Frau Barthel, die Witwe unseres Heimat- und Mundartdichters Bruno Barthel, mit dem ersten Spatenstich im ehemaligen Kammergutsgarten, der damals noch mit einer hohen Mauer umgeben war, den Start frei für den Bau des ersten neuen Wohngebietes nach dem Krieg in Lohmen. Der Kampf um den Standort hatte sich lange hingezogen, war doch das Land zur Überwindung der Nachkriegshungersnot in Kleingärten aufgeteilt worden. Aus verständlichen Gründen war es ein hartes Stück Arbeit, die Besitzer zu bewegen, auf ihre Gärten zu verzichten.


Die Wohnungsbesitzer in spe waren von der ersten Stunde an gefordert, an den Sonnabend-nachmittagen und Sonntagvormittagen ihre Eigenleistungen abzuarbeiten. Und da damals selbstverständlich keine Maschinen zur Verfügung standen, mussten die Baugruben und die Klärgrube mit der Spitzhacke in den anstehenden Sandstein getrieben werden. Der Mühlenbetrieb stellte Förderbänder und die MTS Hänger und Zugmaschinen bereit. Die Felsbrocken wurden mit vereinter Muskelkraft auf einer Feldbahnanlage aus der Klärgrube befördert. Und wenn es im Fels gar nicht mehr weiter ging, musste Steinbruchsprengmeister Nitsche nachhelfen. Eine besondere Herausforderung war der Kabelgraben, der bis von der Fabrikstraße herangeführt und teilweise durch Fels geschachtet werden musste. Mehr als 20 Mann waren erforderlich, um das schwere Starkstromkabel zu verlegen, so erinnert sich Alfred Dittrich.

Die Häuser der Ringstraße wurden noch auf traditionelle Weise ,,Stein auf Stein" gebaut. 1960 waren die ersten Blöcke bezugsfertig, 1962 folgten die Eingänge 6 bis 12, und ein Jahr später zogen die Mieter in das letzte Haus der Ringstraße. Unter unsäglichen materiellen Schwierigkeiten waren 90 Wohnungen entstanden, in denen nicht nur Lohmener, sondern auch Familien aus den Nachbarorten ein neues Zuhause gefunden hatten. Die gemeinsame Arbeit hatte Menschen zusammen geführt und einen Gemeinschaftsgeist hervorgebracht, der lange nachwirkte und noch heute die Basis für ein angenehmes soziales Klima bildet. Die wirtschaftliche Entwicklung in und um Lohmen verlangte bald nach einer Erweiterung der Genossenschaft. Gemeinsam mit dem staatlichen Wohnungsbau wurden oberhalb des einst berühmten Englischen Gartens längs der heutigen Schloßstraße weitere Wohnungen in Plattenbauweise errichtet.

1975 konnten 80 Genossenschafts-wohnungen bezogen werden. Nach der politischen Wende 1989 / 90 wurde 1993 mit der Modernisierung des gesamten Wohnungsbestandes begonnen. Die Öfen in den 170 Wohnungen wichen Zentralheizungen, Sanitäranlagen und Fenster wurden erneuert, alle Gebäude erhielten Wärmedämmung. In den Häusern der Ringstraße entstanden in den Dachgeschossen zwölf Kleinwohnungen, die besonders bei jungen Leuten beliebt sind. Die Parkplätze wurden erweitert und die Grünflächen mieterfreundlich gestaltet. Und während anderorts mehr als 25 Prozent der Wohnungen leer stehen und Häuser abgerissen werden, erfreut sich die Lohmener Wohnungsbaugenossenschaft einer guten Nachfrage. Zu danken ist das nicht zuletzt der Attraktivität des Ortes, der stadtnahen Lage, den kurzen Wegen in beliebte Erholungsgebiete, den kinder- und seniorenfreundlichen Wohnbedingungen und dem gepflegten Umfeld.

Text: Rudolf Hajny

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